Ein Leser aus Linz schrieb mir nach dem ersten Todestag seiner Frau: „Eine Freundin hat mir gesagt, sechs Monate seien zu früh, ein Jahr sei noch knapp, zwei Jahre seien respektvoll. Ich möchte wissen, ob sie Recht hat." Meine Antwort: Niemand hat Recht. Ihre Freundin meint es gut, aber sie kennt Ihre Trauer nicht von innen.
Es gibt keine anständige Zahl für den Moment, an dem ein Witwer oder eine Witwe wieder Abendessen verabreden darf. Die öffentliche Meinung glaubt, es gäbe eine, weil sie sonst vor der eigenen Ratlosigkeit steht. In Wahrheit folgt Trauer weder einem Kalender noch einer Etikette. Sie folgt dem Innenleben des Trauernden, und das ist nicht verhandelbar.
Was Trauer in Wahrheit ist
Trauer ist nicht ein Zustand, den man durchläuft und dann verlässt. Sie ist eine neue Lage, in der Sie für den Rest Ihres Lebens bleiben, und die Sie mit der Zeit möblieren. Die Möbel sind Rituale, Fotos, eine bestimmte Ecke des Hauses, eine Stimme, die Sie noch hören, wenn Sie etwas kochen, das er oder sie mochte.
Wieder zu daten bedeutet nicht, dass Sie ausgezogen sind. Es bedeutet, dass Sie einen Gast in diese Lage hereinlassen.
Warum sechs Monate zu früh sein können – und gleichzeitig nicht
Manche Menschen wachen nach sechs Monaten aus einem langen Ehejahrzehnt auf und merken, dass sie ohne einen zweiten Menschen in ihrem Alltag nicht leben können. Das ist nicht Oberflächlichkeit. Das ist ein spezifischer Charakter: verbindungsorientiert, mit einer hohen Schwelle für Alleinsein.
Andere merken nach drei Jahren, dass sie immer noch keinen leeren Stuhl am Frühstückstisch ertragen. Auch das ist nicht Rückständigkeit. Das ist ein spezifischer Charakter: Loyalität, die Zeit braucht, um zu vergeben, dass das Leben weitergeht.
Beide Charaktere sind legitim. Das Problem entsteht nicht am Tempo, sondern an der Selbsttäuschung. Wer nach sechs Monaten behauptet, er habe „abgeschlossen", lügt sich an. Wer nach drei Jahren behauptet, er sei „nicht bereit", wenn er abends heimlich Profile öffnet, lügt sich ebenfalls an.
Zwei Anzeichen, dass Sie wirklich bereit sein könnten
1. Sie können den Verstorbenen erwähnen, ohne zu brechen
Nicht: ohne zu weinen. Weinen ist erlaubt, und für immer. Aber: ohne dass das Gespräch jedes Mal in eine Sackgasse führt. Wenn Sie einen neuen Menschen kennenlernen und Sie können kurz, ruhig, würdevoll von Ihrer Frau oder Ihrem Mann erzählen, und danach normal weiteressen, dann haben Sie einen inneren Platz für beide Menschen.
2. Sie möchten nicht gerettet werden, sondern begleitet
Wer einen neuen Partner sucht, um seine Trauer nicht mehr allein tragen zu müssen, wird diesen Partner erdrücken. Wer jemanden sucht, mit dem er einen Sonntag in Stille verbringen kann, ohne dass die Stille verlangt, gelöst zu werden, ist näher an einer tragfähigen Begegnung.
Was Sie in den ersten Begegnungen erzählen sollten
Kein Schweigen über den Verlust. Ein reifer Mensch wird nach Ihrer Lebenssituation fragen. Erzählen Sie kurz, ehrlich, ohne Theater. „Ich bin seit zwei Jahren Witwe, meine Frau ist an Krebs gestorben, wir waren 28 Jahre verheiratet, ich habe zwei erwachsene Kinder." Ein Absatz. Keine Aufzählung, keine Anklage des Schicksals, keine Bewältigungsgeschichte.
Wer Sie in diesem Moment ernst nimmt, ist jemand, mit dem man reden kann. Wer ausweicht, ist jemand, der die Schwere des Lebens nicht mitträgt. Auch das zu wissen, ist wertvoll.
Wenn der neue Mensch empfindlich auf den alten reagiert
Manche neue Partner tun sich schwer, wenn der Verstorbene auftaucht – in einem Foto, in einem Satz, in einem Familienereignis. Das ist menschlich. Beide Seiten dürfen lernen. Sie dürfen Ihrem neuen Partner Zeit geben. Sie dürfen aber nicht Ihren Verstorbenen aus Ihrem Leben löschen, damit der neue Mensch sich besser fühlt.
Eine reife Liebe nach einem Verlust ist eine, in der zwei Menschen und eine Abwesenheit im selben Haus Platz finden.
Die Scham, die kein Grund zur Scham ist
Viele Witwer und Witwen empfinden Scham, wenn sie das erste Mal wieder jemanden anziehend finden. „Ich habe es verraten." Nein. Sie haben es nicht verraten. Die Anziehung ist ein Lebenszeichen, nicht ein Verrat. Die Zuneigung, die Sie einmal hatten, bleibt bestehen. Die neue Zuneigung füllt nicht ihren Platz, sie setzt sich daneben.
Der Mensch, den Sie verloren haben, wollte wahrscheinlich nicht, dass Sie den Rest Ihres Lebens allein sind. Fragen Sie sich ehrlich: Was hätte er oder sie gesagt? In den meisten Ehen ist die Antwort deutlich: „Geh weiter. Bleib nicht stehen."
Die Freundin mit dem Zeitplan
Zurück zum Eingang. Die Freundin, die in Linz meinem Leser den Sechsmonatsmaßstab vorlegte, wollte ihn schützen. Schützen Sie sich vor ihrem Schutz. Sagen Sie freundlich: „Ich danke dir, dass du dir Gedanken machst. Ich achte auf mich selbst." Und dann gehen Sie das Tempo, das Ihr Innenleben vorgibt.
Es gibt keinen Preis für Langsamkeit. Es gibt keinen Preis für Schnelligkeit. Es gibt nur die Frage, ob Sie an dem Tag, an dem Sie wieder lieben, ehrlich sind mit sich selbst und mit dem Menschen, der vor Ihnen sitzt.
Eine stille Einladung
Wenn Sie heute Abend das Gefühl haben, sich selbst etwas zu verbieten, prüfen Sie es. Ist das Verbot Ihres, oder haben Sie es bloß von außen übernommen? Was in Ihrem Inneren wirklich trauert, weiß oft längst, dass das Leben weitergehen will. Die Frage ist nur, ob Sie diesem Inneren zuhören.